Hourra, perdu ! 499 ans Marignano

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Isabelle Flükiger

Übersetzung: Maria Hoffmann-Dartevelle

Marignano, usw.

Es war einmal eine Schar tapferer Krieger, die wurden die Schweizer genannt. Sie hatten dicke Bergsteigerwaden, und hin und wieder schleuderten sie Baumstämme auf ihre Feinde (Morgarten, 1315). Sie waren so stark und so wild, dass alle Fürsten Europas und sogar der Papst irrsinnige Summen bezahlten, um diese Männer in ihrer Armee zu haben. Von ihrer Kraft profitierend, hatten die Krieger jenseits des Gotthardmassivs mit Eroberungen begonnen; das Tessin gehörte ihnen schon. Langsam breiteten sie sich nach Süden aus, und wo immer sie anrückten, lösten sich die gegnerischen Truppen auf wie alte Kaugummis. Einmal aber waren sie nicht einer Meinung. Die einen wollten mit dem Feind, der ihnen zahlenmäßig überlegen war, verhandeln, die anderen wollten kämpfen. «Wir lassen uns doch nicht einfach so ausbluten», sagten die einen sinngemäß und zogen ab. Die anderen blieben. Sie waren zu wenige; es kam zum Massaker (Marignano, 1515). Das gab ihnen zu denken. «Also genügt es nicht, tapfer zu sein», sagten sie sich. «Um den Feind zu bezwingen, müsste man immer einer Meinung sein.» Dem Tod ins Auge zu sehen, das ging ja noch an, aber immer derselben Meinung zu sein, wenn man nicht aus demselben Kanton kam, das überstieg ihre Kräfte. «Dann lieber neutral werden», sagten sie sich resigniert. Und zogen nie mehr von sich aus in den Kampf.

Den Nationen Europas gefiel diese Idee so gut, dass sie beschlossen, die Schweizer Neutralität sei «im Interesse ganz Europas» (Wiener Kongress, 1815). Das hinderte sie allerdings nicht daran, sich ständig in die Angelegenheiten der ehemaligen Krieger einzumischen, ihnen zu sagen, wen sie bei sich aufnehmen und wen sie verjagen sollten. «Also genügt es nicht, neutral zu sein», stellten diese ärgerlich fest. «Um in Ruhe gelassen zu werden, muss man sich Respekt verschaffen.» Zornig wie einst, schwangen sie tapfer den Sprengstoff der Christen, ihre einzig verfügbare Waffe: die Güte. «Unsere Aufgabe ist es, die Geächteten zu verteidigen!», riefen sie laut. Und die Nationen Europas wandten sich überrascht der Stimme zu, die da ertönte. Sie klang so richtig, dass man ihr einfach zuhören musste, der klaren Stimme jener Krieger, die den Schwachen verteidigten (IKRK, Asylrecht, die Schweiz der Guten Dienste, Friedenserhalt , usw. usf.). So verschafften sich die Eidgenossen Respekt und einen Platz in dem, was man das Konzert der Nationen nennt, weil sie das entwaffnende Lied des Guten erklingen ließen.

Deshalb sind die Schweizer, wenn sie die Geburt ihres schönen Vaterlandes zu feiern haben, so gerührt und dankbar für die große Niederlage bei Marignano. Dem Fest aber würde etwas fehlen, wenn sie vergäßen, dass nur die lauthals verkündete Aufgabe, die Schwachen und Geächteten zu verteidigen, ihnen zu Zeiten, da sie stumm waren, eine Stimme gab.



Isabelle Flükiger (1979) hat vier Romane geschrieben, deren jüngster, Best-seller, 2011 erschienen ist. Sie hat zahlreiche Preise und Arbeitsstipendien erhalten und schreibt derzeit an ihrem fünften Buch. Sie lebt und arbeitet in Bern.



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