Hourra, perdu ! 499 ans Marignano

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Charles Heimberg

Übersetzung: Maria Hoffmann-Dartevelle

1515, Marignano, na und?

1515, 13. und 14. September, so lautet das Datum einer ohne Frage denkwürdigen Schlacht, der Schlacht von Marignano. Sie ereignete sich in der Lombardei, an einem Ort, der heute Melegnano heißt und in der Nähe der Großstadt Mailand liegt.

1515, so lautet auch der Titel des verlockend klingenden, aber enttäuschenden Werks eines kompetenten und innovativen Historikers namens Alain Corbin. Eigentlich handelt es sich dabei um ein Gemeinschaftswerk, das unter seiner Leitung entstand und dessen vollständiger Titel etwas länger ist: 1515 et les grandes dates de l'histoire de France. Revisitées par les grands historiens d'aujourd’hui (1515 und die großen Momente der französischen Geschichte. Von den großen Historikern der heutigen Zeit neu beleuchtet). Ein vielversprechender Gedanke: sämtliche historischen Ereignisse, die in der dritten Ausgabe eines Schulbuchs aus dem Jahr 1938 – L’histoire de France à l’école (Französische Geschichte in der Schule) von Toutain und Blanchet – behandelt werden, neu zu beleuchten. Und heutige Historiker zu bitten, sie unter Berücksichtigung des aktuellen Stands der Forschung hinsichtlich eines möglichen Bedeutungswandels zu kommentieren. Doch leider erscheint der Text des Geschichtsbuchs von 1938 gar nicht in diesem Werk, nur die Fakten, auf denen es aufbaut; und überdies verdirbt einem zu guter Letzt ein nostalgisches, konventionelles Schlusswort zur zwingenden Notwendigkeit von Chronologie beim Erlernen von Geschichte die Lektüre.

1515 als historisches Datum – und das gilt gewissermaßen für alle historischen Daten – steht also zweifellos auch für eine bestimmte Auffassung eines auf besonders hervorgehobenen Ereignissen und auf Chronologie aufbauenden Geschichtsunterrichts. Eine solche Auffassung kann geradezu absurd sein, nämlich wenn damit das Auswendiglernen von Daten im Dienst einer erbärmlichen Schlachtengeschichte gemeint ist; sie kann aber auch vernünftig sein, wenn das Ziel ist, den Schülern mehr oder weniger zahlreiche und gut geordnete Bezugspunkte zu vermitteln und sie unter Umständen auf der Grundlage geschichtlicher Fragestellungen zu kritischem Denken anzuleiten.

1515 ist in erster Linie ein typisches Beispiel für das, was der Historiker Jocelyn Létourneau aus Québec als «mythistoire», als Geschichtsmythos oder -legende bezeichnet, das heißt, als ein historisches Ereignis, das um eine mythische Dimension in Form einer Bedeutungserweiterung oder mitunter sogar einer regelrechten Umdeutung ergänzt wurde. Geschichte lernen heißt dann nicht nur, eine Rekonstruktion vergangener Gegenwarten, also der mehrheitlichen Erfahrung von Akteuren der Vergangenheit vorzunehmen, indem man sich in ihre jeweilige Gegenwart und ihre Ungewissheiten hinein versetzt, sondern auch, die gegebenenfalls existierende mythische Dimension zu demontieren, um am Ende das zurückzubehalten, was einem erlaubt, die Vergangenheit zu verstehen und ihr auf der Basis wissenschaftlicher Kriterien eine bestimmte Bedeutung zu geben. Und eventuell, warum nicht, auch die Funktionen und die Verwendung jener mythischen Dimension zu untersuchen.

1515, Schlacht von Marignano: Zunächst erweist sich das Ereignis als ein Geschichtsmythos aus der Perspektive der französischen Geschichte. Zunächst einmal als ein vernichtender, nicht ohne die Hilfe rasch in Vergessenheit geratener venezianischer Truppen zustande gekommener Sieg; außerdem als der Beginn französischer Präsenz in Norditalien und schließlich als Bestätigung eines frisch eingesetzten Monarchen, Franz I., der sogar von Pierre Terrail de Bayard zum Ritter geschlagen wurde. Hier wie auch bei anderen in dem von Alain Corbin herausgegebenen Buch erwähnten Ereignissen liegt die mythische Dimension jedoch auch darin, dass in der gleichen Absicht ebenso andere Schlachten oder Ereignisse hätten ausgewählt werden können, aber in den Darstellungen gerade dieses eine Ereignis einen besonders wichtigen Platz einnimmt.

1515 besitzt in gewisser Hinsicht auch aus der Perspektive der Schweizer Geschichte eine mythische Dimension. Zwar bedeutet hier 1515 unbestreitbar eine Niederlage, ein Zusammenbruch mit Tausenden von Toten. Aber Mythenschöpfer haben schon ganz andere Dinge erlebt. «Nach Marignano», schrieb in den Dreißigerjahren der reaktionäre Gonzague de Reynold, «ist die Schweiz für die europäische Geschichte nicht mehr interessant. Sie beginnt sich abzuschotten.» So kann also, indem man besagte Niederlage als Grund dafür betrachtet, dass die Schweiz zu ihrer vermeintlich defensiven und abgeschotteten Identität und vor allem zu ihrer Neutralität fand, eine wunderbare Umdeutung stattfinden und eine Geschichtslegende mit Ausgangspunkt Marignano entstehen.

1515 ist in der heutigen Schweiz aber noch aus einem anderen Grund mythisch überhöht. Denn wer waren diese «Schweizer», um die es 1515 ging, die niedergemetzelt wurden und die berühmte Schlacht verloren? Die teleologische Verwechselung eines älteren Bündnisses zwischen ein paar Alpenregionen, jener dem Aristokraten Gonzague de Reynold so wichtigen «alten Schweiz» mit einem modernen Staat, der erst 1848, also viel später als die fraglichen Ereignisse gegründet wurde, ist wahrhaft problematisch. Vergangenheit wird nie und nimmer verständlich, wenn man sie nur unter dem Gesichtspunkt späterer Entwicklungen betrachtet. Ein wichtiger Teil der Erzählung von der Schweizer Nationalgeschichte zwischen dem 13. und dem 19. Jahrhundert besteht also aus verschiedenen lokalen Erzählungen, die nichts mit dem modernen Bundesstaat zu tun haben und einen Großteil seiner Territorien gar nicht betreffen. Diese Erzählung bzw. Geschichtswiedergabe wurde erst im Nachhinein gesponnen, um in einer Zeit, da man sehr um die Erfindung einer Tradition bemüht war, die Existenz eines unerwarteten Landes zu rechtfertigen, das mitten im 19. Jahrhundert nach einem kurzen Bürgerkrieg, dem Sonderbundkrieg, entstanden war. Die Schlacht von Marignano betrifft somit im Grunde nur Truppen der Alten Eidgenossenschaft, nur Soldaten, die kapituliert hatten, und Söldner, die einzig und allein der Verlockung des Geldes gefolgt waren. Sie sind zu Tausenden gestorben, weil sie eine üble Sache stur weiter verfolgt hatten. Und die einzige Lehre, die sich aus dieser Geschichte ziehen lässt, ist die der Absurdität von Krieg und kollektivem Sterben in einem Kampf von ausschließlich finanziellem Wert.

1515, die Schlacht von Marignano – verdient sie unter diesen Umständen wirklich eine Gedenkfeier? Vielleicht ja, wenn es denn darum ginge, den Gedanken von Schlacht und kriegerischem Gemetzel in Frage zu stellen, um mit der Vorstellung des besagten Gonzague de Reynold aufzuräumen, der schreibt, dass «die Schweiz auf einem militärischen Gedanken begründet ist». Aber den Initiatoren der für 2015 geplanten Gedenkfeier geht es um etwas ganz anderes. Die Projekte der Pro Marignano Stiftung, von rechten und linken (sic) Nationalräten unterstützt, stimmen nachdenklich. Sie werden damit gerechtfertigt, dass diese Schlacht für die Schweiz «das Ende der eidgenössischen Grossmachtpolitik und der Anfang einer Wende hin zum jahrhundertealten Stillesitzen bzw. ein Markzeichen für die zukünftige Festlegung der heutigen Neutralität der Schweizerischen Eidgenossenschaft» sei. Eine anachronistische Feststellung. Und eine angebliche Wende, die keinen wirklichen Einfluss auf die Haltung der Schweizer Obrigkeiten gegenüber dem Nationalsozialismus noch im kalten Krieg hatte. Der Gedanke der Schweizer Neutralität, dessen Bedeutung sich je nach geschichtlichen Zusammenhängen wandelt, ist gewiss ein Geschichtsmythos. Glücklicherweise hat der Bundesrat sich von den genannten Argumenten nicht wirklich überzeugen lassen, sondern kundgetan, er fördere «die Idee, aus der eigenen Geschichte Einsichten zu gewinnen, die wesentlich zur Friedensförderung sowie zur Stärkung der Menschenrechte beitragen. [Was bedeutet], dass Veranstaltungen zur Erinnerung an Marignano hauptsächlich ohne Bundesmittel finanziert werden müssen.» Man wagt zu hoffen, dass diese Entscheidung nicht nur aus haushaltpolitischen Gründen getroffen wurde.


Quellenangaben

Alain Corbin (Hrsg.), 1515 et les grandes dates de l'histoire de France. Revisitées par les grands historiens d'aujourd’hui, Paris, Seuil, 2005.

Jocelyn Létourneau, Je me souviens? Le passé du Québec dans la conscience de sa jeunesse, Montréal, Fides, 2014.

Gonzague de Reynold, La démocratie et la Suisse. Essai d’une philosophie de notre histoire nationale, troisième édition revue et augmentée, Bienne, Les Éditions du Chandelier, 1934.

»500 Jahre Schlacht bei Marignano«, Interpellation 13.3550, eingereicht von Nationalrat Marco Romano am 20. Juni 2013, siehe www.parlament.ch



Charles Heimberg ist Historiker und Professor für Geschichtsdidaktik an der Universität Genf. Er war Krankenpfleger in der Psychiatrie, Lehrer und Ausbilder von Lehrern. Seine Werke befassen sich vor allem mit der Sozialgeschichte der Arbeiterkämpfe und der Geschichte der beiden Weltkriege, mit den verletzten und untergeordneten Erinnerungen, der Vermittlung eines historischen Denkens, der öffentlichen Nutzung und dem Aufbau einer Verständlichkeit der Vergangenheit.



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