Hourra, perdu ! 499 ans Marignano

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Donat Blum

Gerade noch rechtzeitig

Zum Glück schreibe ich sie 2014 – diese Zeichen. Gerade noch rechtzeitig, bevor mein Schweizer Geist 2015 in Marignano verteidigt werden wird. In anderen Bereichen hatte ich weniger Glück. Die Geistige Landesverteidigung hat sehr gut gewirkt. Dass wir die beste Schoggi haben, den besten Käse, die praktischsten Messer und exaktesten Uhren – das wurde mir durchaus eingeschärft von unserem kollektiven Bewusstsein. Da half auch kein halbherziges Globi- und Papa-Moll-Verbot meiner Eltern. Immerhin konnte ich meine Brille nachschärfen und ich musste einsehen: Mal abgesehen von den Schweizer Uhren werden wir von Belgien, Frankreich, bei den Messern sogar nahezu von der ganzen Welt übertrumpft. Aber was schreibe ich da? Mit ÜBERTRUMPFT bewege ich mich noch im Jass- und knapp nicht im Kriegsjargon. Aber das WIR, dieses schauerliche Wort – das kam gerade eben sehr nahe bei VOLK zu liegen. Nach jeder Abstimmung sprechen wir davon: Das Volk hat entschieden, das Volk will dies und nicht jenes. Als ob es nur eines gäbe. Als ob es nicht nur ein verschwindend kleiner Teil aller in der Schweiz wohnhaften Leute wäre, die sich in den Abstimmungen überhaupt geäussert haben; sich überhaupt äussern dürfen. Und in einem Jahr soll mir nun noch die Dimension eröffnet werden, von der ich in meinen 28 Jahren bisher ziemlich verschont geblieben bin: Das Volk ist nicht nur heute, nein wir waren auch schon vor 500 Jahren. Und die Crux: auch dann schon neutral. Nein, ich korrigiere: Gerade deswegen neutral – so wird behauptet. Weil sich Tausende von Leuten abgeschlachtet haben, so viele, dass man irgendwann aufgab – zumindest die, die das dann noch konnten. «Oh, Switzerland is a nice country. It’s very peaceful – it’s neutral, right?» Wie oft habe ich diese Frage im Ausland gehört. Am allermeisten in China, wo ich während einem Jahr lebte, wohin ich immer wieder gereist bin. Wir sind neutral. Es schaudert mich. Hat das nicht noch nie etwas anderes geheissen, als wir schauen nur für uns? Und gemeint ist nicht das wir, das es in der längst globalisierten Welt noch zu schützen gälte – nein, mit wir ist nicht die Menschheit gemeint, sondern die, die eh schon alles haben. Wir, wir privilegierten Schweizer, die Schlachten von vor 500 Jahren herbeiziehen, um Nationalismus zu feiern, statt unseren Geist zu öffnen. «Wer die Militäranlagen in der Normandie gesehen hätte, der hätte anders abgestimmt beim Gripen», sagte mir kürzlich ein Bauer in einem Gespräch für eine Reportage zum Stadt-Land-Graben. «Dort fuhren selbst Trams in den kilometerlangen Tunnels unter der Erde.» Seine Augen funkelten von der martialischen Kraft, die sich ihm offenbart hatte. Sinn und Unsinn spielen keine Rolle mehr. «Kraft, Stärke ist geil», schreibe ich diesen Text zu Ende, während ich mich freue, wie im Hintergrund die Schweiz gegen Honduras den Einzug ins Achtelfinal erkämpft.



Donat Blum, 1986 in Schaffhausen geboren, schreibt und lebt in Biel. Seit 2011 ist er Student am Schweizerischen Literaturinstitut. Er schreibt Prosa und hat kürzere Texte in Zeitschriften und Magazinen veröffentlicht u.a. Fabrikzeitung und Quottom. Er ist Kolumnist beim Bieler Tagblatt.



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