Hourra, perdu ! 499 ans Marignano

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Gerhard Meister

Marignano für die Mittelstufe (Eine Lektion)

Also mal zuhören liebe Kinder, Marignano liegt zwar ein Stück weit zurück und alle, die da mitmachten, liegen schon seit längerem in ihren Gräbern, aber trotzdem ist das eine Sache, an die man sich besser erinnern sollte. Wir Schweizer haben damals nämlich etwas gelernt über den Krieg und das Totschlagen, was wir bis heute nicht vergessen haben. Vor Marignano dachten wir, dieses Totschlagen sei toll und ein so richtig hübscher Heidenspass. Na ja, vielleicht ist das übertrieben, aber nach ein paar Schnäpsen und voll im Testosteron wie die damals im Mittelalter waren, hat es ihnen vielleicht doch Spass gemacht, sich zu einem eidgenössischen Schlachthaufen zusammenzurotten und ausgerüstet mit Langspiessen gegen alle Seiten – sozusagen als stachliger Igel – sich an diese Ritter heran zu machen und sie mit der Hellebarde aus ihren Steigbügeln zu heben, um sie dann, wie sie so dalagen wie die Käfer auf dem Rücken, abzumurksen.

Ja, und dann wurde in Marignano der moderne Krieg erfunden mit Schiessgerät, das einen zu Matsch macht, bevor man seine Hellebarde überhaupt zur Hand genommen hat. Dieses neue Schiessgerät, das den Schweizer Igel kaputtgehauen hat, heisst übrigens Artillerie. Aber das nur am Rand. Wichtig ist die damals erteilte Lektion. Auf solche Weise in Stücke gerissen zu werden, das ist nicht einmal vollbesoffen ein Spass, sondern von A bis Z ein Scheisserlebnis. Und das haben wir Schweizer schon damals, 1515, begriffen, während andere die Schützengräben des Ersten Weltkriegs brauchten, bis endlich auch sie kapierten, dass dem Tod fürs Vaterland die propagierte Süsse zu hundert Prozent abgeht. Ja, da waren wir Schweizer schlauer, Jahrhunderte vor allen anderen haben wir begriffen, dass Krieg Scheisse ist und man besser zuhause bleibt. Und darauf dürfen wir heute noch stolz sein. Das ist unsere ureigene eidgenössische Tradition der Kriegsdienstverweigerung.

Da gibt es übrigens ein sehr schönes Lied von einem tollen Typen, der heisst Boris Vian und hat die Sache perfekt auf den Punkt gebracht und das sogar, obwohl er kein Schweizer ist. Lasst uns das mal singen und dann schreiben wir als Klasse einen Brief an den Bundesrat und schlagen ihm den Song als neue Nationalhymne vor. (Die Klasse singt zum Abschluss der Lerneinheit das Kriegsverweigererlied von Boris Vian in der schweizerdeutschen Fassung von Franz Hohler.)



Gerhard Meister ist im Emmental aufgewachsen und hat in Bern Geschichte und Soziologie studiert. Er schreibt Theaterstücke und Hörspiele und geht mit seinen Spokenword-Texten auch selber auf die Bühne. Er macht mit bei Bern ist überall und ist mit der Kontrabassistin Anna Trauffer im Duo meistertrauffer unterwegs. Seine Geschichten sind unter dem Titel Viicher & Vegetarier auch als Buch erschienen.



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