2016 : Vers l’Europe

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Raphael Urweider

abgesang europa / europe requiem

abgesang europa

tiere ziehen wieder durch die städte, menschen
liegen auf den plätzen ausgestreckt mit wunden, eitrig
heute sonderangebot, die marder, füchse und die
katzen voller flöhe wären ja wohl blöd, würden sie nicht
zugreifen, zubeissen, die tiere sind nicht schuld, tiere
sind nie schuld, sie sind ohne moral. da wird etwas verladen
in eine ambulanz, die schon fast alle farbe verloren, athen,
zweitausendscheißdrauf, europa zieht sich nun, nach
wirtschaftsfreudiger expansion in sich zusammen, wie
eine mit ameisensäure übergossene wegschnecke, noch
etwas zäher schaum an ihren rändern, in dem die
ausgegrenzten kleben, von kameras verfolgt, von
interessierten, unbezahlten journalisten die insektenforschern
gleich statistik machen – fickt euch südländer, und du, geh
doch nach russland, osteuropa, was wir seit millenien
zusammengerafft wollten wir niemals teilen, was habt ihr
euch gedacht? eine mutter sucht im müll nach ihren
kindern, die auch nichts brauchbares gefunden außer
vielleicht den tod denkt sie und schmiert sich eine droge
oder ist es leim ins zahnfleisch. was habt ihr euch gedacht?
in griechenland wuchs einst die hehre idee demokratie
auf dem buckel von sklaven und missbrauchten sklavinnen,
eine elite, nicht mal zwanzig prozent einer bevölkerung,
eine bequeme männerrunde, für die das unten unsichtbar
und an universelle  macht glaubte sowie an ideen. europa,
ein apartheidsgedanke und heute bezahlen wir die rechnung
kameraden,schnallt euch an für einen nächsten höllenritt,
zum glück gibt es all die tollen erfindungen: schießpulver,
stacheldraht, die verschiedenen folterinstrumente, stahl, 
gut erprobt in all den kolonien. vielleicht war ja europa nie
was anderes als blutrünstige mächte, die sich ferne welten
unterworfen, um dann noch zweitausendscheißdrauf weit
entfernte sklavereien aufrecht zu erhalten. das ging ja gut,
bis dann die sklaven beine kriegten, digitales wissen,
und sich dachten, ja, europa ist nicht nur ein wort nicht nur
gedanke, nein man kann da hin und auch sein glück versuchen
doch ist europa alt, das glück fast aufgebraucht und längst
verteilt. luxusprobleme häufen sich und katastrophen
versteckten sich gut unter streicheleinheiten unsrerer
gadgets. geschichte nunmehr hinter glas, geschmeidig
animiert: verdun in 3d., touchscreen theresienstadt, gulags
als kulissen für ego shooter, als wäre die vergangenheit
nunmehr ein streichelzoo, und kein weg führte je wieder zurück.
am abend schießen sie, am morgen gibt es jetzt kein wasser
mehr, an nachmittagen fliegen drohnen über felder, wo die
toten kühe liegen, was wir als zivilisation begriffen, wurde
aus langeweile angezweifelt und dann auf dem scheiterhaufen
mit anderen ideen abgefackelt, eiterte, und die dünne haut
platzte auf. jetzt leben wir in narben die nicht heilen wollen.

 

europe requiem

animals are roaming the cities once again, humans
are lying on squares, wounded, purulent, a special
bargain today, the martens, foxes and the flee
infested cats would be stupid not to grab some, bite
some, it’s not the animals fault, animals are never
to blame they are amoral. something’s been loaded
into an ambulance, that has lost almost all of its colors,
athens, twotousendfuckit, europe is convulsing, after
an economically happy expansion, like a slug that was
doused in formic acid, some gluey slime at its
borders, in which outsiders get stuck, watched by
cameras, by interested underpaid journalists, collecting
data like entomologists – fuck you, southerners, and you,
go to russia, go to eastern europe, we were never
prepared to share what we snatched  for centuries, what
did you think? a mother is looking for her children
in the garbage, they also didn’t find anything useful
except maybe death she thinks and smears herself a
drug or is it glue into her gums. what did you think?
it was in greece where the noble idea of democracy
was born on the backs and in wombs of slaves, from
an elite,  not even twenty percent of the population,
a cozy club of men that gave a shit but believed
in universal power and ideas. europe, a sentiment
of apartheid and today we pay the price, comrades,
buckle up for another ride to hell, luckily we have
all these great inventions: gun powder, barbed wire,
the various instruments of torture, steel, well tested
in all the colonies – maybe europe was never
anything else than bloodthirsty powers subjecting
far away worlds, to then, in twotousendfuckit, keep
up some far away slaveries. it all went well until
the slaves got on their feet, digital knowledge, and
they thought, yes, europe is not only a word, not
only a thought, no, you can actually go there and
try your luck, but europe is old, luck ran out and
was distributed a long time ago. luxury problems
accumulate and catastrophes hide well under
the caresses of our gadgets. history from
now on only behind glass, smoothly animated:
verdun in 3d, touchscreen theresienstadt, gulags
as backgrounds for egoshooters, as if the past is
solely a petting zoo and as if there is no way back.
shots are fired in the evenings, there is no water
in the mornings now, in the afternoons there are
drones flying over fields where the dead cows lie,
what we thought civilization is, was doubted out
of boredom and then burnt on a stake with other
ideas, festering, and the thin skin split open.
now we live in scars that do not want to heal.



Raphael Urweider, geboren in der Schweiz, Heimatland deutsche Sprache, ist Lyriker und Theaterautor und lebt in Bern.
Der Text entstand für das Theaterprojekt «Bye Bye Babel» der Gruppe Peng! Palast.



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